26.12.2025
2011
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Foto: Birgit Butz & Anna-Kristina Mohos
Kennen Sie gelegentlich das Gefühl, erraten zu müssen, was
ein Baby von Ihnen möchte? oder die Situation, dass ein Kind
zu weinen oder zu wüten beginnt, obwohl Sie sich alle Mühe
geben, seine Bedürfnisse zu erkennen? Das Kind ist bei seinem
Versuch, sich mitzuteilen, ungeduldig geworden, fühlt sich
nicht verstanden und ist frustriert – genau wie Sie. Diese Situa-
tionen können Sie ganz einfach umgehen: Verwenden Sie mit
Kindern Gebärden!
KInDerGeBärDen Von 0–2
Wenn Sie Kindergebärden in der Kommunikation mit Babys ein-
setzen, geben Sie ihnen die Möglichkeit, sich auf eine weitaus
präzisere Weise auszudrücken, als es durch ein Lächeln, zufriede-
nes Brabbeln oder Schreien möglich wäre. Erst im Alter von rund
zwölf Monaten setzen Kleinkinder Laute bewusst ein, um sich mit-
zuteilen, z.B.
„ma-ma“
oder
„wau-wau“
. Doch schon einige Monate
zuvor, im Alter von etwa acht Monaten, sind Babys in der Lage,
kinderGeBärden
singen, sPielen, erzählen Mit geBärden Von 0–4
44
InFo
Birgit Butz …
lernte das thema Babygebärden kennen, als sie
sich mit dem thema Muttersprach- und Fremd-
sprachenerwerb beschäftigte. im Jahr 2008
gründete Birgit Butz ihr nicht-kommerzielles
internet-Portal www.sprechende-haende.de,
auf dem vielfältige informationen rund um das
Babygebärden gesammelt werden.
Anna-Kristina Mohos …
ist diplomierte gebärdensprachdolmetscherin
und begann sich nach der geburt ihrer tochter
im Jahr 2008 mit dem spracherwerb bei Kin-
dern mit und ohne gebärden zu beschäftigen.
sie entwickelte daraufhin mit zwei weiteren ge-
bärdensprachdolmetscherinnen ein Kurskon-
zept zur Vermittlung von Babygebärden. dieses
fndet in den „Wichtelhände-Kursen“ in Berlin
und Potsdam seine umsetzung.
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einzelne Gebärden auszuführen. Kindergebärden geben Ihnen
somit die Möglichkeit, die Gedanken und Wünsche von Babys
noch früher kennenzulernen.
Kindergebärden lernen Babys und Kinder wie von selbst, wenn
Sie diese beim Singen, Spielen und Betrachten von Bilderbüchern
und in Ihre Alltagskommunikation einfießen lassen. Sie können
einem Kind z.B. einen Vogel beim Spazierengehen zeigen und
dazu VOGEL gebärden, ihm ein Lied von Vögeln vorsingen oder in
seinem Bilderbuch einen Vogel zeigen.
Sobald sich das Kind die Gebärde VOGEL gemerkt hat, beginnt es
im nächsten Schritt, diese in einer passenden Situation abzuru-
fen: Beim nächsten Entdecken eines Vogels auf dem Baum wird es
versuchen, die Gebärde mit seinen Händen nachzuformen – das
Kind möchte sich mitteilen. Das liegt durchaus in der Natur der
Sache, denn der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht für
sein Wohlergehen Kontakt mit seiner Umwelt. Kindergebärden
können Babys und Kleinkinder, die sich noch nicht mit Worten
ausdrücken können, folglich verwenden, um sich ihrer Umwelt
mitzuteilen.
KInDerGeBärDen Von 2–4
Kindergebärden können Sie jedoch auch mit Kindern im Alter von
2 bis 4 Jahren und darüber hinaus anwenden. Die Verwendung
der Gebärden in der Alltagskommunikation ist bei älteren Kin-
dern nicht zwingend erforderlich, da es anders als bei den 0- bis
2-Jährigen nicht mehr darum geht, eine sprachliche Brücke an-
zubieten. Die meisten Kinder ab 2 Jahren sind sprachlich bereits
gut in der Lage, sich zu äußern und verwenden Kindergebärden
nicht mehr in ihrer Brückenfunktion. Für sie sind Kindergebärden
vielmehr eine Bereicherung und sinnvolle Ergänzung der sprach-
lichen Kommunikation.
WAS GenAU SInD KInDerGeBärDen?
Kindergebärden sind einzelne Gebärden aus der Deutschen Gebär-
densprache, die Sie begleitend zur Sprache im Alltag mit Kindern
einsetzen können. Kindergebärden sind demnach keine vollstän-
dige Gebärdensprache, sondern lediglich einzelne Handzeichen.
Diese sind jedoch weder erfunden noch vereinfacht oder abge-
wandelt, sondern entsprechen den Gebärden, die taube Menschen
in Deutschland zur Kommunikation nutzen.
Kindergebärden sind oft ikonisch, d.h. bildhaft. In der Handform
der Gebärde oder im Bewegungsablauf der Gebärdenausführung
lässt sich oft die Form eines Gegenstandes erkennen. Die Formen,
Eigenschaften und Tätigkeiten, die in den Kindergebärden deutlich
werden, haben also einen großen Wiedererkennungswert
und können von Kleinkindern und Kindern leicht mit den
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Bild oben und unten: Mit Kindergebärden können Kinder zeigen, was
sie sehen: Hier gebärdet Marieke VOGEL und KUH.
Alle Illustrationen © Vanessa Paulzen in „Singen, spielen, erzählen mit Kindergebärden“,
siehe Seite 18 in diesem Katalog
Fotos: Manuela Scharf
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realen Objekten, z.B. einem Haus, einer Kuh oder einem Vogel ver-
knüpft werden.
Zudem lassen sie sich meist leichter merken als die entsprechen-
den Wörter. Diese sind willkürlich und stehen in keinem klaren Zu-
sammenhang zu dem, was sie beschreiben: Weder aus dem Wort
„Haus“ noch aus den Wörtern „Kuh“ oder „Vogel“ ist zu erkennen,
was damit gemeint ist. Kindergebärden hingegen bilden etwas ab,
das Kinder mit entsprechenden Situationen im Alltag abgleichen
können und dort wiedererkennen.
Ein Beispiel hierfür ist die Gebärde für VOGEL: Zeige- und Mittelfn-
ger einer Hand schließen und öfnen sich vor dem Mund. Das deu-
tet den Schnabel eines Vogels an. Bei der Gebärde für KUH erinnern
die an der Schläfe angesetzten, abgespreizten kleinen Finger an die
Hörner einer Kuh.
InKlUSIVe BIlDUnG – KInDerGeBärDen
SInD zUKUnFTSWeISenD
Kindergebärden können Sie neben Ihrer Arbeit mit Babys und
(Klein-)Kindern in Regel-Einrichtungen auch hervorragend bei
Kindern mit besonderen Bedürfnissen oder mit Behinderungen
einsetzen.
Im Jahr 2009 hat Deutschland die UN-Konvention über die Rech-
te von Menschen mit Behinderungen ratifziert. Das Schlagwort
der UN-Behindertenrechtskonvention ist vor allem die „Inklusive
Bildung“. Es geht nicht mehr nur darum, Menschen mit Behinde-
rung zu integrieren, sondern ihnen von Anfang an die Teilnahme
am Leben in unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Circa 80 bis 90
Prozent der Kinder, die momentan noch Förderschulen und son-
derpädagogische Kindergärten besuchen, sollen in den nächsten
Jahren an den regulären Bildungsangeboten teilhaben.
Kindergebärden, die selbstverständlich im Kindergartenalltag an-
gewendet werden, können inkludierten Kindern mit Störungen,
z.B. Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen, helfen, sich
einzufnden und teilnehmen zu können.
Kindergebärden sensibilisieren zudem alle Kinder für die Kommu-
nikation mit Gebärden. Mit den Händen zu sprechen wird für sie
etwas sein, das sie seit ihrer Kindheit kennen, sie werden weniger
Vorurteile entwickeln und weniger Berührungsängste in der Kom-
munikation mit tauben Menschen haben.
Möglicherweise werden Sie in Ihrem Alltag mit Kindern noch viele
weitere positive Efekte der Kommunikation mit Kindergebärden
feststellen. Einer ist unumstritten:
Kindergebärden machen Spaß!
literatur zuM theMa von birgit butz
und anna-KriStina MohoS:
„singen, spielen, erzählen mit Kindergebärden. lieder, Fingerspiele
und reime mit den händen begleiten – für Kinder von 0–4 Jahren.“
siehe seite 18 in diesem Katalog!
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Kinder sind aufmerksame Beobachter und schauen ganz genau,
wenn die Hände zur Kommunikation eingesetzt werden.
Mit Kindergebärden können Kinder ausdrücken, was sie beschäftigt:
Ben fragt, WO seine Katze ist.
Kinder lieben Bilderbücher – noch mehr, wenn sie mit Kindergebärden
erzählt werden.
Fotos: Birgit Butz & Anna-Kristina Mohos
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